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Archive Bieler Tagblatt / Journal du Jura

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Samuel Schmid: Der stille Schaffer

Mit Samuel Schmid bekam das Seeland im Jahr 2000 wieder einen Bundesrat. Der Notar absolvierte die klassische Ochsentour: Gemeindepräsident, Grossrat, Nationalrat, Ständerat, Bundesrat. Schon in den ersten Jahren musste sich der SVP-Politiker ständiger Attacken des Zürcher Flügels erwehren. Dennoch wurde er 2005 Bundespräsident. Nach der Abwahl seines Parteikollegen Christoph Blocher 2007 trat Schmid der neu gegründeten BDP bei. Armee-Unfälle und Ungereimtheiten bei der Ernennung des Armee-Chefs Roland Nef setzten Schmid zusätzlich unter Druck. Er kommunizierte teilweise unglücklich und reichte im Herbst 2008 seinen Rücktritt ein.
 
Samuel Schmid wurde 1947 in Rüti bei Büren geboren. Er besuchte das Gymnasium in Solothurn. Es folgte das Studium der Rechte an der Universität Bern mit Abschluss als Fürsprecher (1973) und Notar (1978). Im Militär stieg er rasch zum Leutnant auf.
Bereits als 25-Jähriger wurde Samuel Schmid Gemeinderat von Rüti. Von 1974 bis 1982 war er Gemeindepräsident seiner Heimatgemeinde. Der Notar vertrat in der Gemeindepolitik und später als Grossrat in der kantonalen Politik mittelständisch-konservative Anliegen der Berner SVP.

Schon früh distanzierte er sich vom Zürcher SVP-Flügel, zum Beispiel engagierte er sich 1992 für den EWR-Beitritt. Als Grossrat machte er sich einen Namen als Präsident der Kommission für die neue bernische Verfassung. 1991 trat Schmid erfolglos als gewerblicher Spitzenkandidat bei den Nationalratswahlen an. Erst drei Jahre später rückte er als Ersatzmann in die Volkskammer nach. 1999 gelang ihm der Einzug in den Ständerat. Dort war er bald ein politisches Schwergewicht und gehörte verschiedenen Kommissionen an, wie der staatspolitischen Kommission, der Verfassungskommission sowie der aussenpolitischen, deren Vize-Präsident er war.

Am 6. Dezember 2000 wurde Samuel Schmid zum Bundesrat gewählt. Als Vorsteher des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) kamen ihm seine verschiedenen militärischen Kommandofunktionen, zuletzt als Regimentskommandant, zugute. Schmid wirkte zunächst etwas hölzern, sprach langsam und langfädig, schnitt oft ein ernstes Gesicht. Kein Wunder trug er in der Solothurner Mittelschulverbindung Wengia den Vulgo Lätsch. Mit der Zeit wurde er lockerer und gewann sein Umfeld mit trockenem Humor. Anwürfe aus dem Zürcher SVP-Lager – er sei ein «halber Bundesrat» – steckte er mit dem Rückgrat eines hohen Offiziers weg.

2005 war der Höhepunkt in Schmids Karriere. Er amtete als Bundespräsident. In schwierigen Situationen bewies er staatsmännisches Format, etwa bei der Trauerfeier für die Tsunami-Opfer im Berner Münster oder beim Besuch der vom Hochwasser geschädigten Gebiete. Auch in unserer Region ist er ein häufiger Gast, als Sportminister in der Sportschule Magglingen oder bei der Eröffnung der Ausstellung "Vision Seeland" im Schloss Nidau im Januar 2008.

Der SVP-Bundesrat war kein Medienstar, der in farbigen Illustrierten mit Shorts und Pantoffeln durchs Wohnzimmer schlurft oder sich am Pool sonnt, sondern ein Vollblutpolitiker. Er war bekannt für seine vielfältige und profunde Dossierkenntnis und galt lange als Idealbesetzung für das VBS.

Im Laufe der Jahre 2006 und 2007 vertiefte sich die Kluft zwischen Schmid und seiner Partei weiter. Der gemässigte Seeländer trug den agressiven Politstil der Schweizer SVP immer weniger mit. Für die Wahlen 2007 posierte er zwar gerade noch mit dem Wahlmaskottchen, dem Geissbock Zottel. Den berüchtigten "Schäfchenplakaten" zeigte er jedoch die kalte Schulter. Mit Schwarzmalerei und Ausgrenzung von Ausländern wollte er nichts zu tun haben.

Bei den Bundesratswahlen vom Dezember 2007 kams zum Eklat. Schmid wurde zwar mit einem guten Resultat wiedergewählt, doch sein Partei- und Amtskollege Christoph Blocher wurde in einer klassischen "Nacht der langen Messer"-Aktion ausgehebelt. An seiner Stelle wählten die Ratslinke und Teile der CVP und FDP die Bündner Finanzdirektorin Eveline Widmer-Schlumpf. Schmid soll ihr in vertraulichen Gesprächen zur Annahme der Wahl geraten haben. Die Quittung kam prompt: Die SVP warf Schmid und Schlumpf aus der Fraktion und ging in die Opposition - ein Novum seit der Existenz des modernen Bundesstaates.

2008 drehte Schmid mit andern "gemässigten" Exponenten der SVP den Rücken und trat der neuen Bürgerlich Demokratischen Partei (BDP) bei. Der Seeländer Magistrat geriet immer mehr unter Druck seiner ehemaligen Parteikollegen. Im Frühling ereignete sich auf der Kander ein Schlauchboot-Unfall. Fünf Menschen starben bei dieser angeblich der Teambildung dienenden Übung. Kritiker monierten in der Folge Führungsfehler und Laisser faire-Mentalität im VBS.
Im Sommer enthüllte die Sonntagspresse Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der Ernennung des neuen Chefs der Armee. Gegen diesen war während des Rekrutierungsprozesses ein Strafverfahren wegen Nötigung im Gang. Schmid wollte zuerst nichts davon gewusst haben, dann gestand er reuig, die Angelegenheit "vergessen" zu haben. Zum Schluss beurlaubte Schmid den angeschossenen Roland Nef, worauf dieser das Handtuch warf.
Durchs Band forderten alle Parteien Schmids Rücktritt. Im Herbst 2008 schickten die eidgenössischen Räte das Rüstungsprogramm 2009 bachab. Doch damit nicht genug: Sogar seine Familie wurde bedroht. All dies machte dem stillen "Chrampfer" schwer zu schaffen. Kurz nach einer Gallenblasenoperation gab er im November 2008 im Alter von 61 Jahren den Rücktritt bekannt. Samuel Schmid hatte der Landesregierung acht Jahre angehört.

In den folgenden Jahren engagierte sich Schmid für die Demokratisierung in Tunesien. Seine Kontakte zu den demokratischen Kräften dieses Maghreb-Staates gehen auf einen Tunesien-Besuch im Jahr 2005 zurück. Nach dem "Arabischen Frühling" im Jahr 2011 intensivierten sich diese Verbindungen. Im Rahmen der Freundschaftsgruppe Schweiz-Tunesien bemühte sich Schmid vor allem um die Förderung der tunesischen Wirtschaft. Sein Motiv: "Tunesien ist das einzige Land, dem der Arabische Frühling die Chance auf eine demokratische Entwicklung gegeben hat. Ich würde gerne etwas dazu beitragen, dass sie gelingt."

AutorIn: Matthias Nast / Hans-Ueli Aebi
 
 
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