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Archive Bieler Tagblatt / Journal du Jura

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Ein Tag aus dem Leben einer Uhrmacherin

vom Buchautor Urs Karpf
 
Es ging gegen Mitte Dezember im Jahr 1899. Draussen begann es langsam einzudunkeln. Odette, die junge, knapp sechzehn Jahre alte Uhrenarbeiterin, erhob sich, um ihr Petrol-Quinquet zu holen. Das «Gänggi», wie die Lampe unter der deutschsprachigen Arbeiterschaft genannt wurde, bestand aus einem verstellbaren Brenner mit Docht und Glas. Bald würde die Hitze von vielleicht über hundert dieser flammenden und rauchenden Quinquets den Saal füllen. Manchmal bekam Odette Kopfweh davon, dann wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass bald Feierabend würde: um 19.15 Uhr, wie jeden Werktag im Winter, auch an Samstagen. Elf Stunden arbeitete sie täglich.
Vor zwei Jahren hatte Odette in der Schraubenspalterei begonnen. Eine dreiwöchige Lehrzeit hatte sie absolvieren müssen und nachher sechs Rappen in der Stunde verdient. Nein, gerade viel war das nicht, speziell dann nicht, wenn man sein Auge auf ein schönes Foulard aus Lyoner Seide geworfen hatte. Sieben Franken kostete es. Es würde wohl vorläufig ein Traum bleiben.
Vielleicht, wenn sie eine andere, einträglichere Partie lernen würde? Das Steinesetzen gab weit höheren Verdienst. Aber dafür handelte es sich um eine pingelige Sache, es galt, flinke Finger zu haben. So wie ihre Mutter, die in Heimarbeit Steine setzte. Auch die Polissage gab einen besseren Lohn, dafür war die Arbeit viel schmutziger.
 
Heute Morgen um sieben Uhr war Odette zu spät zur Arbeit gekommen. Sechs oder sieben Minuten. Aber fünf Minuten nach dem letzten Läuten der Fabrikglocke wurden die Fabriktore unerbittlich geschlossen. Eine halbe Stunde später erst wurde sie mit den verheirateten Frauen, die eine halbe Stunde später mit ihrer Arbeit beginnen durften, eingelassen. Aber da wurde sie zusammen mit den verspäteten Männern vom Portier aufgeschrieben, neben dem Lohnabzug gab es auch eine Busse. Aber keiner der Saumseligen wollte das allzu tragisch nehmen. Wenns so sein musste, dann halt eben! Rasch noch lieber einen anzüglichen Witz in Odettes Richtung gemacht, eine frivole Bemerkung hingeworfen; das gehörte dazu. Manchmal wusste Odette nicht, ob sie das Zwitschern und Pfeifen um sie herum der ächzenden Transmission oder einem übermütigen Burschen in ihrer Nähe zuschreiben musste. Viele der arbeitenden Mädchen hatten ihre Freunde in der Fabrik kennen gelernt, da war nichts dabei.
 
Wenn nur die Quinquets nicht so qualmen würden. Odette hatte allerdings gehört, dass der Fabrikbesitzer, ein gestrenger Herr, den sie erst einmal zu Gesicht bekommen hatte, im neuen Jahrhundert die Elektrizität in die Fabrik bringen wolle. Dann sei es endgültig aus mit all den russenden Petrollampen. Aber es würde dann in Zukunft auch viel mehr Arbeit durch Automaten gemacht werden. Odette hatte die Augen offen gehalten; sie wusste, dass einzelne Teile bis zu zwölfmal bearbeitet werden mussten, bis sie in die Uhr eingesetzt werden konnten. Lernte sie bloss einige Partien hinzu, würde vielleicht der Visiteur auf sie aufmerksam. Dann gäbe es interessantere Arbeit, als es die wenigen, sich jedoch tausendfach wiederholenden Handgriffe in der Schraubenspalterei darstellten.
 
 
Putz und Torheiten?
Der Regierungsstatthalter von Biel klagte bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder nach Bern, dass viele Leute in Biel, speziell die jungen Fabrikarbeiterinnen, ihren Verdienst leichtsinnig für allerlei Putz und Modetorheiten ausgäben, statt etwas davon auf die hohe Kante zu legen, um für Krisenzeiten gewappnet zu sein. Tatsächlich mussten viele junge, ledige Frauen bei einer Rezession aus Biel wegziehen, meist in die Ostschweiz, wo sie dann als Dienstmädchen arbeiteten.

AutorIn: Urs Karpf
 
 
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Letzte Aktualisierung: 28.07.2015
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