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Archive Bieler Tagblatt / Journal du Jura

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Ein Bieler Gymnasiast verhalf der Eiszeit-Theorie
zum Durchbruch

Louis Agassiz (1807-1873) war im 19. Jahrhundert einer der weltweit angesehensten Naturwissenschaftler. Viele seiner wissenschaftlichen Leistungen werden bis heute anerkannt. Am nachhaltigsten wirkte Agassiz’ Engagement zugunsten der in Wissenschaftskreisen belächelten Eiszeit-Theorie: Riesige Gletscher, verkündete er 1837 vor führenden Naturwissenschaftlern, hätten einst weite Flächen der Erde bedeckt. Damit war eine Kontroverse entfacht, die in den folgenden zwei Jahrzehnten das Wissen um die Klimageschichte unseres Planeten revolutionierte. In scharfem Kontrast dazu stehen Agassiz’ rassistische Thesen über den Ursprung des Menschen, mit denen er dazu beitrug, die Sklaverei in den USA zu rechtfertigen. Der bis heute umstrittene Wissenschaftler verlebte vier prägende Schuljahre am ersten Bieler Gymnasium.

Louis Agassiz im Alter von 19 Jahren.

(Zeichnung von Silly Braun)


1. Louis Agassiz’ Schulzeit am Bieler Gymnasium

1.1 Die Schulgebäude


Im Alter von zehn Jahren trat Louis Agassiz als Pensionär in das Bieler Gymnasium ein. Der Pfarrerssohn aus Môtier gehörte er zu den ersten Schülern des 1817 gegründeten Instituts. Die Schulräumlichkeiten wurden vorerst im städtischen Schulhaus an der Untergasse eingerichtet, das Pensionat lag an der Obergasse 22, im Privathaus der Vorsteherin. Im Herbst 1818 wurden Schule und Pensionat ins ehemalige Spital an der Hintergasse verlegt.



Seit dem Jahr 1818 befand sich das Bieler Gymnasium im ehemaligen Spital, das 1751 im Hauptgebäude der ehemaligen Johanniterkomturei eingerichtet worden war. Die Schulräumlichkeiten befanden sich im Erdgeschoss, das Pensionat im ersten Stock. Wie die Nordfassade des heutigen Schulhauses Dufour Ost zeigt, ist die Bausubstanz bis heute im Wesentlichen erhalten geblieben.                  
(Aquatinta von Henri Courvoisier-Voisin, 1818)

1.2 Die Pensionsanstalt und der Schulbetrieb

Agassiz fühlte sich wohl in Biel. Das war vermutlich auch das Verdienst von Marie-Louise Blösch, der Leiterin der schulinternen Pensionsanstalt. Die etwa dreissig «Internen», die im Obergeschoss des Gymnasiums untergebracht waren, standen unter Aufsicht eines Lehrers, der für die aufreibende Aufgabe zusätzlich entschädigt wurde.
Zu den Aufgaben des Aufsehers gehörte die Wahrung der Zweisprachigkeit: die Pensionäre hatten abwechselnd je 14 Tage Deutsch und 8 Tage französisch zu sprechen.
Der Tagesablauf im Internat gestaltete sich wie folgt: Frühmorgens um fünf war Tagwache, nur im Winter begann das Tagesprogramm eine Stunde später. Fünf Minuten nach der Tagwache mussten die Schüler zum Morgengebet antreten. Um viertel vor sechs wurde Toilette gemacht, um sechs gab es Milch oder Suppe zum Frühstück.
Der Unterricht begann um sieben Uhr, nach jeweils zwei bis drei Stunden wurde er durch Spielpausen, durch eine der drei weiteren Mahlzeiten oder durch Zeit zur freien Verfügung unterbrochen. Vier bis fünf Stunden täglich waren dem persönlichen Studium gewidmet. Nach dem Abendgebet um 21 Uhr wurden die Lichter gelöscht.
Das Verlassen des Schulareals war nur mit Genehmigung des Aufsehers erlaubt. In der Stadt waren die Gymnasiasten an ihrer blauen Uniform mit dem (seit Napoleon populären) Tschako zu erkennen.
Das Bieler Gymnasium räumte dem persönlichen Studium viel Zeit ein. Dies kam Agassiz sicher entgegen. Vor allem am Anfang schätzte er die kleine Hausbibliothek für die Pensionäre. Später aber bat er in einem Brief an seinen Vater um moderne Bücher über Geographie, Griechisch und Latein, da er bereits alle Bücher, die ihm zur Verfügung standen, studiert habe.

1.3 Frühe Neigung zur Naturwissenschaft

Schon als Gymnasiast legte Agassiz eine kleine Sammlung von Fischen an, und in den Schulferien wurde er von einem Geistlichen in praktischer Botanik angeleitet. Als das Bieler Gymnasium 1821 vom Berner Gletscherforscher Samuel Wyttenbach eine Auswahl von Mineralien als Grundstock seiner naturkundlichen Sammlung erhielt, gehörte vermutlich auch Agassiz zu den besonders interessierten Betrachtern.

1.4 Agassiz’ Lehrer

Überliefert ist ein Beurteilungsblatt aus dem Jahr 1821, auf dem die Lehrer Friedrich Wünternitz (Latein, Deutsch) und Lemb (Arithmetik, Geometrie, Algebra) sich positiv über Agassiz’ Leistungen und Verhalten äusserten. Zu Agassiz’ Lehrern gehörten auch Friedrich Oesterli (Turnen) und Johann Peter Girard (Zeichnen). Einen engeren Kontakt pflegte der künftige Naturwissenschaftler mit Johannes Rickly, der 1817 Französisch, Latein, Geschichte, Geometrie und Geographie unterrichtete.
Dass Agassiz’ Beziehung zu Rickly die Schulzeit in Biel überdauerte, hatte möglicherweise damit zu tun, dass dieser bis 1821 zusätzlich die Funktion des Aufsehers versah, für die Pensionäre also sehr präsent war. Nach dem Weggang seines begabten Schülers setzte sich Rickly bei Agassiz’ Eltern dafür ein, dass sein Schützling nicht Theologie, sondern Medizin studieren konnte. Tatsächlich konnte der ehemalige Bieler Gymnasiast seine schulische Ausbildung in Lausanne vollenden, bevor er in Zürich ein Medizinstudium begann.


Als Erwachsener erwähnte Agassiz unter anderem die positive Wirkung des Turnunterrichts, die er am Bieler Gymnasium erlebt hatte. Damals verfügte kaum eine Schule über Turngeräte. Eher traditionell war die Arreststrafe (Karzer), mit der die am Gymnasium geltenden Regeln durchgesetzt werden sollten. Diese Strafe wurde im Roten Turm (Bildmitte) vollzogen.
(Aquatinta von Henri Courvoisin-Voisin, 1818. Das Bild wurde uns freundlicherweise von der Kunstsammlung der Stadt Biel zur Verfügung gestellt.)

Dem Bieler Gymnasium war es ein wichtiges Anliegen, gute Leistungen seiner Schüler zu fördern. Nach dem Jahresexamen Ende September fand in der Stadtkirche eine Abschlussfeier statt, an der die besonders erfolgreichen Schüler ein Büchergeschenk erhielten. 1818 wurden 23 Schüler beschenkt, also ein Viertel der Schülerschaft, 1819 gar ein Drittel. Auch Agassiz gehörte regelmässig zu den prämierten Schülern, ausserdem fiel ihm 1821 die Ehre zu, die Rede im Namen der Schülerschaft zu halten. Darin pries der Vierzehnjährige das Bieler Gymnasium als «einzigartige Baumschule»:



Noch viele Jahre nach seiner Bieler Zeit betonte Agassiz, das Gymnasium habe das Fundament zu seinen späteren Erfolgen gelegt: Durch eine frühe Erziehung zur Arbeit, durch Disziplin und sportliche Betätigung.

2. Agassiz’ Beitrag zur Eiszeit-Theorie

2.1  Das Rätsel der Findlinge

Schon im 18. Jahrhundertfragten sich die Gelehrten, wie die zahlreichen grossen Blöcke aus alpinem Gestein wohl auf die Hänge des Juras gelangt sein könnten. An Erklärungsversuchen fehlte es nicht: Die «Fündlinge» seien vom Himmel gestürzt, behaupteten manche, andere verfochten die These, diese Alpentrümmer seien «durch Wogen von Überschwemmungen» an die Jurahänge geschwemmt worden. Während manche Gelehrte die zweite These mit der Idee der biblischen Sintflut verbanden, suchten andere nach physikalisch einleuchtenden Vorgängen. Führende Naturforscher gingen davon aus, dass gigantische Wassermassen in kürzester Frist bewegt worden seien: entweder durch das brüske Aufsteigen der Alpen oder als Folge einer plötzlichen Absenkung des Bodens im Mittelland.

Die These, dass die erratischen Blöcke durch Gletscher transportiert worden waren, wurden von den führenden Wissenschaftlern der damaligen Zeit ignoriert: Die Publikationen von Kuhn (1787), Hutton (1795), Playfair (1802) und Esmark (1824) blieben fast ohne Echo. Erst mit der Zeit führten die Beobachtungen einfacher Alpenbewohner dazu, verschiedene Schweizer Wissenschaftler von der früheren Bedeutung der Gletscher zu überzeugen: Im Jahr 1818 kam der Walliser Gemsjäger Jean-Pierre Perraudin durch die Beobachtung zahlreicher Findlinge auf der Talsohle zum Schluss, dass einst ein Gletscher das Rhônetal bis nach Martigny angefüllt habe. 1922 formulierte der Walliser Ingenieur Ignaz Venetz ähnliche Gedanken auf wissenschaftlicher Ebene: In grauer Vorzeit, schrieb Venetz, habe ein kaltes Klima die Bildung riesiger Gletscher erlaubt, welche die erratischen Blöcke bis weit in die Ebenen getragen hätten. Venetz’ Thesen wurden 1833 veröffentlicht, fanden aber nur wenig Resonanz. Immerhin liess sich der Naturforscher Jean de Charpentier von Venetz’ Ideen überzeugen und beschloss, seine Einsichten ein Jahr später vor der Schweizer Gesellschaft für Naturwissenschaften zu vertreten. An der alljährlichen Tagung der Gesellschaft in Luzern verkündete er, die erratischen Blöcke seien in einer weit zurückliegenden Zeit von Gletschern in die Täler transportiert worden.

2.2  Das Dogma der kontinuierlichen Abkühlung

Doch auch Charpentiers Vortrag fand kein besseres Echo als Venetz’ Veröffentlichung: Die Lehrmeinung der Vulkanisten, dass unser Planet seit seiner Entstehungszeit in einem kontinuierlichen Abkühlungsprozess stehe, dominierte das wissenschaftliche Denken jener Jahre. Die Idee, in früheren Epochen sei das Klima wesentlich kälter gewesen, vertrug sich schlecht mit dieser These. Auch Agassiz reagierte mit Skepsis auf Charpentiers Ausführungen, allerdings war er motiviert, einen Sommeraufenthalt in Bex für die Auseinandersetzung mit dem Naturforscher zu nutzen. Im Verlauf dieses Aufenthalts überzeugten ihn Charpentier und Venetz mit Hinweisen auf die Gletscherspuren in den Walliser Tälern. Agassiz ging mit Feuereifer daran, aus den neu gewonnenen Einsichten eine zusammenhängende Theorie zu entwickeln. In diesem Prozess begleitete ihn sein alter Studienfreund Karl Schimper, der am 15. Februar 1837 den Begriff «Eiszeit» prägte.

2.3 Agassiz’ historischer Vortrag

Als Agassiz in seiner Funktion als Präsident am 24. Juli 1837 die Tagung der Schweizer Gesellschaft für Naturwissenschaften eröffnete, waren auch die führenden Naturwissenschaftler Europas zugegen. Die Anwesenden erwarteten einen Vortrag über fossile Fische, doch Agassiz hatte die Nacht zuvor damit verbracht, seine neuen Erkenntnisse über die Gletscher auf den Punkt zu bringen. Schon Agassiz’ erste Ausführungen zugunsten von Charpentier und Venetz erzeugten Unruhe im Publikum, und als er seine Vorstellungen von einer Landschaft unter dem Grossen Eis skizzierte, erntete er lautstarke Empörung und Gelächter. Agassiz liess sich aber nicht aus dem Konzept bringen und erklärte geduldig, dass die scharfen Kanten der Blöcke nicht mit der Idee eines Transportes durch Fluten vereinbar sei. Und dann schockierte er sogar jene, die bisher Zurückhaltung gezeigt hatten. Die nördliche Halbkugel, bemerkte Agassiz, müsse früher einmal unter einem gigantischen Gletscher gelegen haben. Verärgerte Zwischenrufe ignorierend, erläuterte er: «ein sibirischer Winter legte sich über eine Welt, die bis anhin mit üppiger Vegetation gesegnet und von grossen Tieren bevölkert gewesen war… Der Tod breitete ein Leichentuch über die ganze Natur.»

Mit seiner Theorie einer Eiszeit, die grosse Teile der Erde geprägt hatte, war Agassiz seiner Zeit weit voraus. In den Einzelheiten aber irrte er: Die gigantische Eisdecke im Schweizer Mittelland sah er nicht als Ergebnis eines Vorrückens alpiner Gletscher, sondern als Teil eines von Nordeuropa vorrückenden Eisschilds. Die Alpen seien auf einmal, also in kürzester Zeit, aus den Eismassen hervorgebrochen und hätten die Eisfläche zu einer schiefen Ebene gemacht, auf der die erratischen Blöcke bis zu den Juraketten gerollt seien.

Dass Agassiz’ Vortrag die Idee einer das Erdklima prägenden Eiszeit entscheidend voranbrachte, lag vor allem an der grossen Bedeutung, die der junge Naturwissenschaftler nach Jahren intensiver Arbeit erlangt hatte. Seine Arbeit über die fossilen Fische, die ab 1833 in fünf aussergewöhnlich schön illustrierten Bänden erschien, war eine weltweit bahnbrechende Leistung. Zudem lenkte der vielseitige Gelehrte in den folgenden Jahren die Aufmerksamkeit der Wissenschaftswelt auf die Bedeutung der Gletscher, indem er mit grosser Energie und Ausdauer ausgedehnte, modern konzipierte Feldforschungen betrieb. Sein wichtigstes Studienobjekt in diesem Zusammenhang, den Unteraargletscher, stellte Agassiz 1840 in seinem vielbeachteten Werk «Etudes sur les glaciers» vor.

 

1833 erschien der erste Band von Agassiz’ Werk «Recherches sur les poissons fossiles»,
das unter anderem durch die hervorragenden Illustrationen von Josef Dinkel auffiel.
Hier: Dapedius punctatus AGASS.
 

Im Sommer 1840 bauten Louis Agassiz und seine Mitarbeiter auf der Mittelmoräne des Unteraargletschers eine einfache Unterkunftsstätte, die sie «Hôtel des Neuchâtelois» nannten. Die Lithographie zeigt, wie Frau Agassiz im Sommer 1841 an der Seite ihres Mannes mit ihrem Söhnchen Alexander (auf dem Rücken eines Trägers) das «Hôtel» besuchte.


2.4 Gletscher als «grosse Pflugschar» im göttlichen Schöpfungsplan

Als Anhänger von Cuviers Katastrophentheorie lehnte Agassiz Darwins Lehre von der Entwicklung der Arten gänzlich ab. Eine wichtige Komponente seiner Weltanschauung war die Vorstellung, die Eiszeit sei ein Teil des göttlichen Schöpfungsplans. Der weltweite Winter habe alle Arten zum Verschwinden gebracht, damit in der folgenden Warmzeit eine weiter entwickelte Form der Schöpfung entstehen könne. Deshalb war es für Agassiz sehr wichtig, gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern aufzuzeigen, wie viele Gebiete einst von Eis bedeckt gewesen waren. 1846 wanderte der Gelehrte in die USA aus. Dort arbeitete er daran Spuren einer Eiszeit in Nordamerika nachzuweisen. Seiner philosophischen Absicht, dem grausamen Geschehen Sinn abzugewinnen, konnte das auf Dauer nicht genügen: 1865 machte sich der Pionier der nordamerikanischen Naturwissenschaften auf, um während einer Expedition durch Brasilien und die Anden auch am Äquator Spuren eiszeitlicher Gletscher aufzuspüren. Nach seiner Rückkehr am 6. August 1866 verkündete Agassiz zwar, er habe in den Tropen Spuren gefunden, die den Schluss zuliessen, dass das Amazonasbecken und die Anden einst von einem Gletscher bedeckt gewesen seien. Doch obwohl die Fachwelt inzwischen im ihrer grossen Mehrheit die These einer Eiszeit anerkannte, reagierte sie auf Agassiz’ nur spärlich belegte Ausführungen mit Verlegenheit. Der inzwischen 59-jährige Gelehrte blieb aber auf seinem Standpunkt und betonte, schon der Feinschlamm auf dem Grund des Amazonas gehöre zu den Spuren längst verschwundener Gletscher.

3. Agassiz’ Rassentheorie

Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts kam die Sklaverei in den USA immer mehr unter Druck. Das christliche Gleichheitsgebot «all men are created equal» wurde allmählich auf die schwarze Bevölkerung ausgedehnt. Für den gläubigen Christen Louis Agassiz war die direkte Begegnung mit der Sklaverei (1846) jedoch eher ein Anlass, die bestehenden Verhältnisse zu rechtfertigen. Im Gegensatz zu seinen früheren Ansichten vertrat er fortan die These, dass der Mensch an verschiedenen Orten der Welt entstanden sei. Seiner Ansicht nach existierten acht Menschenrassen, von denen er glaubte, sie seien nicht gleichwertig. Der sonst so exakte Beobachter sprach ganzen «Rassen» Charaktermerkmale zu – die Indianer bezeichnete er als mutig und stolz, die Mongolen als feige und hinterhältig, die Schwarzen als unterwürfig. Aufgrund dieser Annahmen hielt Agassiz geschlechtliche Beziehungen zwischen verschiedenen Rassen für gefährlich. 1854 wurde der Sammelband «Types of Mankind or Ethnological Research» publiziert, der einen Beitrag von Agassiz enthielt. Das Werk sollte die öffentliche Meinung für die Beibehaltung der Sklaverei gewinnen. Selbst während der Brasilien-Expedition von 1865 widmete sich der Klimaforscher seiner Rassentheorie: Mit einem Fotografieprojekt versuchte er, die negativen Folgen der «Rassenvermischung» objektiv zu dokumentieren. Bezeichnenderweise liessen die Fotografien solche Deutungen nicht zu, worauf Agassiz stattdessen nachempfundene, idealtypisch veränderte Grafiken veröffentlichte.

Um seine Thesen von der unterschiedlichen Herkunft der Rassen und von der Gefährlichkeit der Rassenvermischung zu untermauern, setzte Agassiz wiederholt das Mittel der Fotografie ein.
Während eines Aufenthalts bei der Familie Gibbes in South Carolina (März 1850) untersuchte Agassiz in Afrika geborene Sklaven, die nach der Ächtung des Sklavenhandels durch den Wiener Kongress (1815) illegal in die USA verkauft worden waren.

Abbildung des im Kongo geborenen Sklaven Renty, der auf den Plantagen der Familie Gibbes arbeitete.


4. Agassiz’ Rolle im 19. Jahrhundert und seine heutige Bedeutung

Als Agassiz am 31. Dezember 1873 starb, zeigte die Teilnahme des US-Vizepräsidenten am Begräbnis, welche Bedeutung der Verstorbene für seine Zeitgenossen erlangt hatte. Agassiz hatte entscheidend dazu beigetragen, die Klimageschichte der Erde in neuem Licht zu sehen. Die Würdigung seines Namens war entsprechend: Agassiz’ Grab war die erste von zahlreichen Gedenkstätten. Es war mit einem aus der Schweiz stammenden erratischen Block von mehr als einer Tonne Gewicht ausgestattet. Auch mehrere Berge wurden nach ihm benannt: Der Mount Agassiz in Kalifornien, der Cerro Agassiz an der chilenisch-argentinischen Grenze und das Agassizhorn in der Schweiz.

Aus heutiger Sicht scheint Agassiz in vielen Fragen durch seine religiöse Herkunft geprägt worden zu sein. Die grosse Resonanz, die der Pfarrerssohn in den USA gefunden hatte, erklärt sich auch damit, dass Agassiz versuchte, die moderne Wissenschaft mit dem christlichen Glauben zu verknüpfen. Dass der Glaube ihn nicht am Versuch hinderte, die Sklaverei wissenschaftlich zu rechtfertigen, macht nicht nur aus heutiger Sicht betroffen. Auch in der Frage der Eiszeittheorie wird Agassiz’ Rolle von Wissenschaftshistorikern relativiert. Bei der Durchsetzung der neuen Erkenntnisse wird ihm in erster Linie die Rolle eines «Katalysators» zugeschrieben. Der Gedanke, dass die Gletscher einst eine viel bedeutendere Rolle gespielt hatten, war von verschiedenen Forschern schon vor ihm und zum Teil präziser geäussert worden. Neben Agassiz’ Tätigkeit als Ideologieproduzent zur Rechtfertigung der Sklaverei steht die unbestreitbare Leistung, der Eiszeittheorie durch die Veröffentlichung gewagter Hypothesen, engagierte Öffentlichkeitsarbeit und sorgfältige wissenschaftliche Forschung zum Durchbruch verholfen zu haben.

Autor: Christoph Lörtscher, Biel

Quellen und Monographien:

Archives de Louis Agassiz, A. Passeports, Certificats, Diplomes, 1/1.1, E. Souvenirs, 2/1.
Bähler, Arnold: Biel vor hundert Jahren, Andres & Kradolfer, 1916.
Blair Bolles, Edmund: Eiszeit, Argon Verlag, 2000.
Fässler, Hans: Reise in Schwarz-Weiss, rpv, 2006.
Hertig, Paul: Louis Agassiz und das Bieler Gymnasium, Bieler Jahrbuch, 1994.
Schaer, Jean-Paul: Agassiz et les glaciers. Sa conduite et ses mérites. Eclogae geol. Helv. 93 (2000).
Wyss, Jakob: Das Bieler Schulwesen 1815-1915, Andres & Co, 1926.

Kunstsammlung der Stadt Biel.



 
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